Spiele

SpieleIch habe den Sohn meiner Nachbarin allein gelassen. Allein in der Menschenmenge, weil ich auf Jagd nach einem Mann war, der genau dort unten, in Leos Nähe, sich hätte befinden können. Weil ich auf Jagd nach einer alten Angst war. Weil ich durchgedreht bin. Weil ich mich getäuscht habe.
So viele Erklärungen.

Mit Leo gehe ich schon lange zu den Spielen, ich weiß gar nicht, wie das angefangen hat. Doch, ich weiß es: die Poster in seinem Zimmer. Ich sah sie nur im Vorübergehen, seine Mutter hatte mich zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Das war ein paar Wochen nachdem sie hier eingezogen waren. Die Tür zu Leos Zimmer stand offen. Ich habe mich noch gefragt, wie ein Junge, der so kurzsichtig, so bedächtig und überhaupt so wie Leo ist, Basketballfan sein kann. Später, an einem der ersten Abende, an denen ich auf ihn aufpasste, während seine Mutter arbeiten war, hat er mich in sein Heiligstes geführt, und ich habe mir die Poster näher angesehen. Immer der gleiche Spieler: Steven zieht zum Korb, Steven beim Dunking, Steven schweißüberströmt mit geschlossenen Augen im Konfettiregen. Leos kleine gedrungene Gestalt vor der Wand wie vor einem Schrein, das Leuchten seiner Augen durch die Brillengläser unwirklich. Einen Moment lang war mir, als befänden wir uns in einem Märchen, und Leo sei der mit den geheimen Kräften: der, dem man die Magie nicht ansieht und der am Ende siegen wird über das Böse. Unscheinbar genug ist er, um in solchen Geschichten der Held zu sein.
Leo.
Mir ist nicht klar, warum diese Geschichte so eng mit ihm verknüpft ist. Es war Zufall, sage ich mir, es hätte überall geschehen können. Vielleicht weil es mich so seltsam berührt hat, als er mir eines Abends in feierlichem Ton erklärte, Steven sei ein kompletter Spieler. Weil sich etwas in mir zusammenzog bei diesen Worten und dieses Unbehagen trotz seiner Erklärungen, was damit gemeint war: kompletter Spieler, sich nicht abschütteln ließ. Vielleicht aber auch weil Leo dieses Gespür für Menschen hat und die einzig richtige Frage stellte, mit der ihm eigenen Beharrlichkeit. Nach Jahrzehnten noch einmal diese Frage.

Die Erzählung „Spiele“ ist nun hier veröffentlicht: Krautgarten – Forum für junge Literatur, Nr. 65. November 2014, 33. Jahrgang II, S. 13-15.

Im September 2015 erscheint sie zusammen mit 17 weiteren Texten in meinem Erzählband bei Klöpfer & Meyer.

 

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