Die Art, wie meine Mutter liebte (Auszug)

Macondo 21: Augenblick

Macondo 21:
„Augenblick“

Mein Vater hat das Herz meiner Mutter mit einem verlorenen Fußballspiel gewonnen. Eigentlich hätte er überhaupt nicht spielen dürfen, weil er nicht zur Oberliga gehörte.
„Das ist jetzt ein besonderes Spiel“, hat der Schorsch zu meinem Vater gesagt, „das ist nur für die Oberliga“. Was stark übertrieben war, denn es gab keine Oberliga, es gab den Schorsch und den Erwin und den Franzl und wer sich sonst noch nachmittags oder abends auf dem Sportplatz rumtrieb. Und „besonders“ an dem Spiel war, dass es gegen eine Handvoll Erlbacher ging, das hatte der Schorsch so eingefädelt, „Freundschaftsspiel, denen zeigen wir’s“. Sogar den Mädels hatte er Bescheid gegeben, „wegen Publikum“.
Dass mein Vater dann doch seine Chance bekam, lag am verstauchten Knöchel vom Erwin, und mein Vater hat innerlich gejubelt, wie der Schorsch aus seinem Tor raustrat und ihn herbeiwinkte, als Ersatzmann für den Erwin, den besten Verteidiger weit und breit. Mit dem Jubeln hatte es dann aber ein Ende, in der vierundachtzigsten Spielminute, und am nächsten Morgen blieb mein Vater im Bett liegen und wollte nie wieder aufstehen. Er wusste an diesem Tag noch nicht, dass er das Herz meiner Mutter gewonnen hatte. Er grub den Kopf unters Kissen, bis er kaum noch Luft bekam, so angefüllt war er mit Scham und Schuld und verpasster Chance. Dabei hatte es sich angefühlt wie ein Triumph, wie der Moment, in dem alles, aber auch alles stimmte.

(C) Ulrike Schäfer 2008

Die Kurzgeschichte erscheint im August 2015 im Erzählband „Nachts, weit von hier“ bei Klöpfer & Meyer.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.