Weite Wege (Auszug)

4. Literaturwettbewerb Wartholz 2011

Wartholz IV

Könnte Jana ihn sehen.
Die Straße ist vierspurig, doch das ist keins seiner Wörter. Groß, denkt er: Die Straße ist groß. Und die Ampel so schnell wieder rot, da ist man noch vor der Mitte, manchmal nur halb den Gehsteig runter, der abgeflacht ist, aber doch eine Kante hat. Da zieht es einem die Hand vom Steuerknüppel und an den Körper ran, man sitzt in Angst mit angezogenen Armen, und es hupt. Es hupt.
Der Weg ist zu weit, hat Jana immer gesagt, und am Ende auch noch die Straße. Sie mochte nicht, wenn er allein in den Park fuhr.
Heute kaum Angst, obwohl zur Kante jetzt noch das Eis kommt. Armanziehen nur kurz, weil dagegen kein Ankommen ist. Einfach weiter und rüber. Kein Hupen, keine anfahrenden Autos. Rüber und auf den Kiesweg rollen, der jetzt ein Eisweg ist, durch den Park zum gefrorenen See.
Es ist Mittwoch: Rententag. Das hat Jana noch geregelt, bevor sie ging.

Die Stille im Park ist anders als die Stille im Heim. Sie ist größer bei Schnee als im Frühling und Sommer. Jetzt sind Flügelschläge darin. Ein Mann läuft durch den Blick und ein Hund. Auch der Geruch ist anders. Und natürlich: die Kälte.
Der Geruch war das erste an Jana. Ihr Geruch war schon da, bevor er sie sah. Er ist von der Werkstatt heimgekehrt damals, wieder mit eingeschlafenem Fuß, es war ein Tag wie alle. Die Fahrt zur Werkstatt halbgut, dann Schrauben in Tüten füllen und essen und noch mal Schrauben. Guter Tag, weil genug Schrauben. Manchmal gehen sie aus, dann muss man sitzen und warten, bis Herr Schobel Zeit hat und sich was ausdenkt, das kann aber dauern, seit sie so viele sind. Die Fahrt zurück schlimmer als hin, ging aber, nur der Fuß war wieder eingeschlafen, es ist immer der linke. Ein Tag wie alle, doch als er den Schalter drückte und die Tür zu seinem Stockwerk aufschwang, wehte ihm Zimt in die Nase. Zimt, mitten im Sommer. Stefan stand da und sah anders aus, er sagte: Neue Kollegin, und: Darf ich vorstellen. Erst als er reinfuhr, sah er sie. Rote Haare, ganz durcheinander die Haare, ein Knopf steckte in der Nase, silbern. Und eben: der Zimt.

(C) Ulrike Schäfer 2010

Auszug aus: Literatursalon Wartholz (Hg.): Wartholz IV. Gegenwartsliteratur in der Schlossgärtnerei. Reichenau a. d. Rax 2011, S. 96-101.

“Weite Wege” wurde für die Teilnahme am 4. Literaturwettbewerb Wartholz 2011 ausgewählt und erscheint im August / September 2015 in einem Erzählband von Ulrike Schäfer bei Klöpfer & Meyer.