Einzig wahre Geschichte

Einzig wahre GeschichteMeine Großmutter liebte meinen Großvater nicht. Der, den sie liebte, war ausgewandert. Nur eine Handvoll Briefe und einen Gedichtband hatte er ihr hinterlassen. Meine Großmutter bewohnte weiter die Villa ihrer Eltern und heiratete einen Mann, den sie nicht liebte und den sie dafür zu verachten begann, dass sie selbst nicht den Mut aufgebracht hatte, jenem anderen zu folgen (und jener nicht den Mut zu bleiben). Dieser ungeliebte Mann, der mein Großvater gewesen sein soll, starb früh. Ich habe weder den einen noch den anderen je gekannt. Und doch folgte ich der Wahl meiner Großmutter (übermittelt von meiner Mutter, wispernd, beim Blättern in vergilbten Fotos, als ich alt genug war oder sie mich für alt genug befand, die wahre Geschichte meiner Großmutter zu erfahren). Ich erbte die Liebe zu jenem in die Fremde gezogenen Mann über zwei Generationen hinweg, und ich beschloss, dass dieser mein wirklicher Großvater war, sein sollte und musste. Die Lücke, die zuvor gar nicht existiert hatte, klaffte ab da. Ich vermisste einen Unbekannten. …

Die „einzig wahre Geschichte“ ist in der diesjährigen Ausgabe von „Konzepte – Zeitschrift für Literatur“ (Heft 33 / 2014, S. 110-113) erschienen.

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