Bergsteigen, Klönschnacken, Chaosschreiben. Zweite Soltauer Woche

Naturschutzgebiet 12.11.2013 018

Foto: Hella Annecke

Nun bin ich mittendrin gewesen: in der Heide, die zu dieser Jahreszeit braun ist (was viel schöner aussieht, als es klingt), und im Wacholder. Einen Berg habe ich bestiegen, Beweisfoto anbei. Diese Weite habe ich gesehen, die sich auf Fotos kaum vermitteln lässt (jedenfalls nicht auf meinen; da müsste man schon was können): diese schöne, karge und zugleich reiche Landschaft.

Hella Annecke hat mir diesen Landstrich gezeigt, einen kleinen Teil des Naturschutzgebiets, den wir in sechs Stunden durchwandert haben. Sie ist eine Gästeverführerin, sagt sie: Sie verführe zum Wiederkommen, und das stimmt, oh ja. Das stimmt.

Die Heide hatten wir an diesem Tag fast für uns allein. Wir waren auf dem Wilseder Berg. In Wilsede und am Totengrund. Wir sind in die Dämmerung geraten, in der die Wacholder zu Gespenstern werden, dunkel umstellen sie einen, und ich war froh, als wir zurück am Parkplatz und den Geistern entkommen waren.

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Steine, angeblich wegen Endmoräne dahin gekommen (ich habe ja immer noch die Riesen in Verdacht …)

Ich denke an diesen Tag und ich sehe die einsamen Höfe vor mir, ich sehe all das mit den Augen eines Kindes, denn inzwischen formt sich etwas, vermischt sich, das Erleben und das Erfinden: Eine Frau kehrt zurück nach sehr langer Zeit und findet den Ort nicht mehr, an dem sie damals zu Besuch war für ein paar Tage ein paar November lang …

Das mit den Riesen, übrigens, ist mir ausgeredet worden. Von Waltraud Herder, die ihr ganzes Leben hier in Soltau verbracht hat. (Die Riesen sind aber hartnäckig. Ich glaube, sie stehlen sich durch die Hintertür wieder herein.) Von ihr und ihrer Tochter, Gertraud Grefe, wurde ich am Mittwoch bewirtet und mit reichlich Geschichten aus einem reichen Leben beschenkt, mit Kaffee, Torte, Kuchen und Blumen zum Abschied, die hier in der Künstlerwohnung immer noch auf dem Tisch stehen und mich an unseren Klönschnack erinnern – ich kannte Klönen und Schnacken, und dass man es kombinieren kann, ist eine hervorragende Einrichtung! Das leuchtet sogar mir als Fränkin ein. Deswegen habe ich am Donnerstag gleich noch einmal geübt und den nächsten Klönschnack eingeschoben, nebst Buchweizentorte: im Café Chocolat ganz in der Nähe, mit Sabine Precht und Ulrike Bartnik vom Freundeskreis der Soltauer Künstlerwohnung. Und während all der Zeit (und auch während ein paar Nachtstunden) war da wie eine zweite Tonspur diese Geschichte, noch im Nebel, dieses Kind, das hier zu Gast ist für ein paar wenige Tage ein paar Jahre lang, dieses Kind mit einer unstillbaren Sehnsucht nach – was?

Totengrund

Jedenfalls ist auch diese Geschichte nicht ganz ohne Dunkelheit, das wurde mir spätestens am Donnerstagabend bei Puccinis „Crisantemi“ klar, gespielt vom Faust Quartett gerade einmal eine Treppe tiefer – ich wohne hier ja über der Bibliothek und bekomme Kultur ins Haus geliefert, und „Crisantemi“ traf an diesem Abend mitten ins Herz.

Dann kamen, außer einem Vortrag von Hella Annecke mit wunderschönen Bildern – die Heide zu allen Jahreszeiten und das Pietzmoor in seiner Verwunschenheit, mit seinen Spiegelungen – einige selbstauferlegte einsame Tage. Das „Chaosschreiben“ begann, das im letzten Winter als Methode – oder vielmehr Nicht-Methode – entstanden ist: den Ton finden, Fetzen, Szenen, Ausschnitte, einzelne Sätze, bewusst noch ohne Struktur, weil zu frühes Strukturieren vieles im Keim erstickt. Eigentlich für jemanden wie mich eine katastrophale Methode, denn ich liebe Sicherheit, Struktur, Listen. Leider geht es beim Schreiben ziemlich ungesichert zu.

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Frau Herders Blumen. Lichtblick im Chaos.

Und jetzt bin ich mittendrin: im Chaos. Zehn Seiten Halbgares, der Text will lang werden (für meine Verhältnisse), Schwierigkeiten tauchen auf: wie die Fäden zusammenhalten? Ist das zu viel, führt das zu weit? Stimmt dieser Ton? Kann ich das überhaupt erzählen?

Zum Glück sind Schwierigkeiten inzwischen ziemlich vertraut. Nein, ein Text muss nicht scheitern, nur weil es anfangs ein Riesendurcheinander ist. Es kann alles noch gutgehen. Sage ich mir vor, wieder einmal. Und höre Mozart, zur Beruhigung, genau wie vor einer Woche.

 

3 Kommentare

  1. Chaos ist nur verborgene Ordnung. Tauche also ein in das Chaos, schwimme umher, plansche darin, mach Blubberblasen und warte auf die Muster, die an die Oberfläche steigen – auf das Wunder der Emergenz.

  2. Pingback: Wunder der Emergenz und Riesen im Handgepäck. Dritte Soltauer Woche | ulrike schäfer

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